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    Katharina Schönbucher  /  Werner Seitz

    Rezension:
    Neusüss, Christel, Die Kopfgeburten der Arbeiterbewegung oder Die Genossin Luxemburg bringt alles durcheinander, Rasch und Röhring Verlag, Hamburg 1985, 359 Seiten,
    in Widerspruch, Beiträge zur sozialistischen Politik, Heft 10, 1985, S. 129–132.


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    Christel Neusüss, Professorin für politische Wirtschaftslehre in Berlin, veröffentlichte im Frühjahr 1985 ein Buch, in dem sie den Marxismus, der ihr als langjährige, aktive Gewerkschafterin vertraut ist, mit ihren alltäglichen subjektiven und objektiven Erfahrungen konfrontiert. Ihre kritische Distanznahme gegenüber «dem Marxismus» – es kann sicher als ein Mangel bezeichnet werden, dass sie dabei nur den «Vulgärmarxismus» der II. Internationalen und den Sowjetmarxismus im Auge hat – beruht einerseits darauf, dass die Arbeiterklasse passiv geworden sei und an ihrer Stelle neue historische Subjekte, die sich nicht auf Marx berufen, die politische Bühne belebten; andrerseits – und vor allem – liessen sie auch ihre Erfahrungen als Frau in Haushalt, Beruf und Politszene gegenüber der Marxschen Theorie «stutzig» werden; mit vielen andern Frauen rebelliert Christel Neusüss gegen die Abspaltung des Privaten. Die feministische Theorie kam ihr dabei zu Hilfe. Gestützt auf die These von Maria Mies, dass Marx vor allem den männlichen Menschen im Kopf gehabt habe, versucht Christel Neusüss, die «speziell männlichen Muster von Arbeit, Produktivität und sozialem Handeln» (S. 18) zu entschlüsseln. Schlagwortartig lässt sich das Unterfangen auch mit «Kopfdenken der Linken versus weiblichen Ganzheitlichkeitsanspruch» umschreiben.

    Christel Neusüss beginnt ihre Abhandlung mit einer Kritik des Marxschen Arbeitsbegriffs. Sie bemängelt namentlich, dass Marx vorgebe, von der allgemein menschlichen Arbeit zu reden, obwohl er im Grunde doch nur die bürgerlich-kapitalistische Arbeit, die warenproduzierende Arbeit, untersuche. Mit dieser verengten Sichtweise auf die «rationale, planende und kopf-hand-baumeisterhafte» Arbeit aber grenze Marx jene nicht-kapitalistische Arbeit aus, welche von Frauen und Müttern in Form von Haus-, Beziehungs- und Aufzieharbeit geleistet werde. Marx gehe somit erst vom fertigen, warenproduzierenden Arbeiter aus und übersehe die (Aufzieh-) Arbeit der Mütter, die bereits im Produkt Arbeitskraft stecke.

    Ferner kritisiert Neusüss, dass Marx nicht nur einen bürgerlichen Arbeitsbegriff verwende, sondern mit den Bürgerlichen ebenso deren Begeisterung für den Fortschritt und das beherrschende Wissen teile. Die Folgen dieser Ausrichtung von Marx zeigt sie am Beispiel von Lenin und den deutschen Sozialdemokraten um die Jahrhundertwende auf, welche das «Kopf-Hand-Baumeister-Modell» zur vollen Entfaltung gebracht haben: Deren Begeisterung für die «Verwissenschaftlichung der Produktion» (Taylorismus), welche die Arbeiter zu sozialen Automaten degradiere und jegliche Subjektivität und Irrationalität am Arbeitsplatz ausschalte, bewirke eine Abspaltung der Gefühle der Männer in die Privatsphäre, in die Familie; somit werde diese nicht mehr – wie von den Vätern der Arbeiterbewegung propagiert – aufgelöst, sondern erhalte vielmehr infolge der Aufspaltung in Rationalität/Öffentlichkeit und Irrationalität/Privates eine neue Bedeutung (vgl. dazu auch die zusammenfassenden Thesen auf S. 130 f.). Im Zusammenhang mit dem «Kopf Hand-Baumeister-Denken» sieht Christel Neusüss auch die Einrichtung der «wissenschaftlich geschulten Interessenvertretung» bei den Arbeiterparteien; hier schalte das «Führer-Massen-Modell» (S. 160) das Affektive aus. Diese Verdrängung des «irrationalen Rests» (S. 164) ist für die Verfasserin mit ein Grund für das Versagen der Arbeiterbewegung (auch in der Zeit der Weimarer Republik).

    Diese grundsätzlichen Einwände gegen die «Kopfgeburten der Arbeiterbewegung» exemplifiziert Neusüss anhand von Texten und Positionen der «vulgärmarxistischen» deutschen Sozialdemokratie (Lasalle, Liebknecht, Kautsky). Als deren Sündenfall betrachtet sie das Bündnis zwischen den «Kopffraktionen der Bürgerlichen und den Arbeiterführern» im Sozialstaat, der auf zwei Säulen beruhe: der Anerkennung des Privateigentums (an Produktionsmitteln und an der Arbeitskraft) und dem Konsens bezüglich der Produktivitätssteigerung. Dieses Bündnis hatte zur Folge, dass die Auseinandersetzungen zwischen den Klassen nur noch um die Verteilung und nicht mehr um die Produktionsweise selber geführt werden. Damit aber gab die Arbeiterbewegung ihr ursprüngliches Ziel, die freie Selbstbetätigung aller Menschen, auf und akzeptierte die Aufteilung, wie sie auch Marx im «Kapital» abhandelte, in notwendige Arbeit und freie Zeit (S. 230): das Reich der Notwendigkeit werde weitgehend dem Kapital überlassen, während sich die Linke vor allem für das Reich der Freiheit (Arbeitszeitverkürzung) stark mache (S. 152 ff.). Nach einer recht eigenwilligen Reduktion dieses reformistischen Sachverhaltes auf die Marxsche Wertlehre kritisiert Christel Neusüss die Ökonomie des Kapitals, der sich auch die Arbeiterbewegung in ihrer Theorie kritiklos unterzogen hätte: sie grenze all das aus, womit das Kapital unökonomisch umgehe – die Menschen und die Natur. Sie gibt zu bedenken, dass eine rücksichtslose Ausbeutung von Mensch und Natur längerfristig die wertproduzierenden Kräfte überhaupt schwinden lasse, was jegliche Realisierungsbestrebungen von sozialistischen Projekten verunmöglichen könnte.

    Am Beispiel der Forderung nach Einführung der 35-Stunden-Woche zeigt Christel Neusüss auf, was für gesellschaftliche Implikationen ihre feministischen Postulate haben können. Von der IG-Metall sei sie angefragt worden, für eine 35-Stunden-Woche-Veranstaltung einen finanziellen Solidaritätsbeitrag zu leisten: «Ich habe es nicht über Kopf und Herz gebracht» (S. 218). Die Forderung nach der 35-Stunden-Woche beruhe auf dem bekannten Muster, wonach die Arbeiterbewegung dem Kapital den Fortschritt der Produktivkräfte überlasse – mit dem Preis des Ruins unzähliger Kleinbetriebe – und sich im nachhinein an den erzielten Gewinnen mitbeteilige; hier will Neusüss nicht mehr mitmachen. Weiter grenze die zur Diskussion stehende Verkürzung der (sog. gesellschaftlich notwendigen) Arbeitszeit die Haus-, Beziehungs- und Aufzieharbeit aus, wodurch «nur noch einmal das alte, zurückgebliebene Bewusstsein» (S. 223) der Männer verfestigt werde; es sei nun an der Zeit, dass das Arbeitnehmerpatriarchat selber thematisiert werde.

    Im letzten Kapitel werden anhand einer Rezeption von Rosa Luxemburg die wesentlichen Kritikpunkte von Neusüss «am Marxismus» noch einmal zusammengefasst. Sie lehnt die Hierarchiebildungen von Natur und Produktion, Frauen- und Männerarbeit, Reproduktion und Produktion ab. Die Natur ist nach Christel Neusüss genauso produktiv wie die menschliche Arbeit; es sei daher eine Kooperation von Kopf, Körper und Natur anzustreben. Bezüglich des Verhältnisses von Männer- und Frauenarbeit hält sie fest, dass die Männerarbeit versagt habe; die Kopfmänner des Bürgertums wie der Arbeiterbewegung hätten ein überall sichtbares, ökologisches Desaster angerichtet. Die «weibliche Produktivität» (S. 257) hingegen sei Teil der Natur geblieben, gebrauchswertorientiert und ohne «Kopf-Hand-baumeisterhafte» Absichten (vgl. dazu die zusammenfassenden «Thesen zur Frauenarbeit», S. 256 ff.). Den Unterschied zeigt Christel Neusüss auch am Beispiel der Massenstreikdebatte auf: Während Kautsky für Streiks in Form von strategischen Kriegszügen, die von den Streikenden Disziplin und Ordnung abverlangen, plädiert (S. 123 ff.), verzichtet Rosa Luxemburg auf derartige strategische Pläne und redet einer Vermischung von Vernunft und Emotionen das Wort (S. 129); folgerichtig habe sich bei ihr die Partei den Massen zu unterziehen und nicht umgekehrt. Die Kritik von Christel Neusüss am männlichen Planbarkeitswahn betrifft ferner auch das Marxsche Diktum, wonach nur die Arbeiterklasse im Gegensatz zum Lumpenproletariat auserkoren sei, die ungerechten Zustände unter der Herrschaft des Kapitalismus zu beseitigen. Sie plädiert mit Rosa Luxemburg für einen «Standpunkt von unten», wonach alle Menschen, unabhängig von ihrer ökonomischen Stellung – also auch Frauen, Marginalisierte und die Dritte Welt –, aufgerufen seien, sich gegen ihre Leiden, nicht nur unter dem Kapitalismus, zur Wehr zu setzen.

    Mit ihrem bewusst provokativen Werk interveniert Christel Neusüss in das (männliche) linke Denken. Dass sie dabei Marx und die Geschichte der Arbeiterbewegung etwas eigenwillig rezipiert, dass sie sich in weiten Teilen nur an die Politik der deutschen Sozialdemokratie hält und die aktuelle Marxismusdiskussion übergeht, mag ihr vorgeworfen werden. Eine solche Kritik aber verschliesst sich vor wesentlichen Aussagen des Buches und riskiert, letztlich auf einer apologetischen Ebene zu verbleiben. Christel Neusüss stellt mit ihrem Anspruch einer ganzheitlichen Betrachtung die konzeptionelle Fragmentierung der Gesellschaft in Frage und kritisiert dabei – und vor allem – das «Arbeitnehmerpatriarchat», welches diese Fragmentierung bisher mitgetragen habe. Sie versucht, die gesellschaftlichen Problemstellungen neu zu verknüpfen und stellt sich daher auch zu manchen Ideen der Arbeiterbewegung quer. Es mag jedoch bezweifelt werden, ob dies in einer so unversöhnlichen Art geschehen muss wie bei ihrer ablehnenden Haltung zur 35-Stunden Woche. Gerade bei diesem Gegensatz zwischen linken und feministischen/ökologischen Forderungen stellt sich die Frage nach der politischen Perspektive des feministischen/ökologischen Standpunktes, den Neusüss vertritt: Es genügt wohl nicht, nur diverse Versatzstücke von Luxemburgs Marx-Rezeption, Lassalles Handwerker-Sozialismus und irgendwelchen vorkapitalistischen Gesellschaftsformationen als Gegenmodell zur männlich-verplanten Industriegesellschaft hinzustellen. Trotzdem bleibt zu hoffen, dass es Christel Neusüss gelingt, mit ihrer kritischen Analyse einer gesellschaftlichen Realität und ihrer neuformulierten Utopie einer egalitären, mit der Natur versöhnten Gesellschaft die Linke «stutzig» zu machen.

     
     

    Katharina Schönbucher: 1961, Bern, Studium der Pharmazie
    Werner Seitz: 1954, Historiker, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Bern, Mitglied der POCH